Gastbeitrag: Charlotte und die unsichtbare Krankheit

Ich habe seit ein paar Jahren Depressionen. Die unsichtbare Krankheit, die einem wie ein Klotz am Bein hängt. Ob es einen oder mehrere Gründe/Auslöser gibt, kann ich nicht sagen. Meist ist es eine Mischung aus Vererbung und Pech und so ist es bei mir wohl auch gewesen.

Ich dachte, dass das halt so sei und ich einfach diese Zeit durchhalten müsste

Bei mir hat sich die Depression ganz langsam angeschlichen und ist jeden Tag ein bisschen schlimmer geworden, so dass es mir erst nicht wirklich aufgefallen ist. Einiges fiel zusammen, der Tod meiner Mutter vor über zehn Jahren, keine anderen erwachsenen Bezugspersonen in der Familie, das Studium endete (erfolgreich!), aber einen Job fand ich nicht, Umzug in eine andere Stadt usw. Ich habe meine schlechte Stimmung und Gereiztheit zu Anfang auf meine Situation geschoben. Ich war nach meinem Studium ein paar Monate arbeitslos, hatte dann einen blöden Job mit schlechter Bezahlung, unregelmäßigen Arbeitszeiten auch am Wochenende und langer Pendelzeit und lebte in einer Stadt, wo ich kaum Freund_innen hatte.

Ich dachte, dass das halt so sei und ich einfach diese Zeit durchhalten müsste, dann würde ich irgendwann einen tollen Job mit netten Kollegen finden und auch wieder mehr sozialen Anschluss haben. Dann würde sich das schon geben. Vielleicht wäre meine Depression nicht so schlimm geworden, wenn ich mir in dieser Zeit schon psychologische Hilfe gesucht hätte. Aber weder ich noch Freund_innen oder Ärzte kamen auf die Idee, dass sich eine Depression anschlich.

Irgendwann verbesserte sich meine Situation. Ich zog um nach Hamburg, hier wohnte meine Schwester und einige Freund_innen und nach kurzer Arbeitssuche, fand ich auch einen Job. Zwar nicht das, was ich gesucht hatte, aber keine Pendelei mehr und dafür ein Schreibtischjob mit festen Arbeitszeiten und annehmbarer Bezahlung. Ich traf mich öfter mit Freund_innen und ich hatte eine schöne kleine Wohnung.

Beim Aufstehen fühlte es sich an, als würden schwere Gewichte an mir hängen

Mir ging es in dieser Zeit auch psychisch besser. Aber das hielt nicht lange an. Langsam schlich sich die Depression wieder ein. Abends lag ich lange wach und grübelte, aß entweder total viel oder gar nichts und hatte eine schlechte Grundstimmung. Es kam mir vor, als würde das Leben langsam an Farben verlieren. Alles wurde grau und anstrengend. Beim morgendlichen Aufstehen fühlte es sich an, als würden schwere Gewichte an mir hängen. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ich nur wie durch einen Schleier sehen kann und oft verstand ich (akustisch und inhaltlich) Menschen nicht, die mit mir sprachen.

Irgendwann bin ich dann zu einem Hausarzt gegangen. Ich war super nervös, hatte Angst nichts sagen, meine Symptome nicht richtig beschreiben zu können oder einfach nur loszuheulen. Zum Glück bin ich an einen sehr guten, empathischen und professionellen Arzt geraten. Da ich selber das Ausmaß meiner Depression unterschätzte und mir das damals gefürchtete Stigma “psychisch krank” nicht aufdrücken lassen wollte, probierten wir es erstmal mit pflanzlichen Mitteln. Im Rückblick bin ich mir sicher, dass ich zu dem Zeitpunkt einfach schon zu krank war, als dass sie helfen konnten. Irgendwann konnte der Arzt mich überzeugen ein Antidepressivum auszuprobieren. Er verschrieb mir eins und gab mir die Aufgabe, mir einen Psychiater zu suchen.

Als ich endlich beim Psychiater im Behandlungszimmer saß, kam ich mir vor, wie in einem schlechten Film

Nach zahlreichen Telefonaten konnte ich endlich einen Termin bekommen, auf den ich aber trotzdem 4 oder 5 Monate warten musste. Die Praxis war alt und verstaubt und als ich endlich beim Psychiater im Behandlungszimmer saß, kam ich mir vor, wie in einem schlechten Film. Es war Sommer und die Sonne schien direkt in seine Fenster, so dass er die Jalousien zugezogen hatte und ein seltsames Zwielicht herrschte, dass durch einzelne Sonnenstrahlen durchbrochen wurde, in denen der Staub tanzte. Der Arzt war alt, kurz vor der Rente. Ich erzählte ihm meine Probleme und er hörte mir nicht zu. Er sagte, dass ich mir doch einen Freund suchen sollte, obwohl ich ihm sagte, dass ich das in meinem Zustand für keine gute Idee hielt. Wenn, dann wollte ich doch eine ausgeglichene Beziehung, in der ich nicht nur nehmen, sondern meinem Partner auch etwas geben könnte (dafür hielt ich mich zu dem Zeitpunkt nicht in der Lage). Er sagte, ich solle mir zudem eine weibliche Psychiaterin suchen, da Depressionen bei Frauen oft etwas mit “Weiblichkeit” zu tun hätten (ja, das hat er gesagt!). Naja, er gab mir ein weiteres Rezept für ein Antidepressivum und ich bin da nie wieder hingegangen!
Leider schlug das Medikament nicht wirklich an. Ich hatte zwar Nebenwirkungen, aber keine positiven Effekte.

Nichts machte mir mehr Spaß und alles war anstrengend

Ich möchte klar machen, dass ich eine “mittelstarke” Depression hatte. Ich funktionierte, konnte arbeiten, mich mit Freunden treffen und mich mehr oder weniger gut um meine Belange kümmern, Rechnungen zahlen, duschen, Wäsche waschen etc. Deswegen kümmerte ich mich auch nur so sporadisch um meine psychische Gesundheit, weil es mir oft nicht schlimm genug vorkam. Aber mir ging es nicht gut. Ich fühlte mich emotional tot, nichts machte mir mehr Spaß und alles war anstrengend.

Eine weitere Etappe, meine Odyssee durchs psychische Gesundheitssystem fand ein paar Monate später statt. Ich hatte endlich einen Termin bei einer Psychologin für ein Erstgespräch für eine Psychotherapie ergattert. Ich war wieder total aufgeregt. Sie hatte ihre Praxis in ihrer schönen Altbauwohnung in Hamburg-Altona. Beim Reinkommen wurde ich gebeten meine Schuhe auszuziehen und ich fühlte mich im ersten Moment wohl in der Wohnung dieser mütterlichen Frau mitte 50. Ich fing an ihr von meinen Problemen zu erzählen. Irgendwann kam ich zu dem Punkt, dass es bei mir Zeiten mit gestörtem Essverhalten gibt, wo ich einfach nichts essen kann und selbst wenn ich mich dazu zwingen will, mir ganz schlecht wird. Sie sah sich meinen dicken Körper an und sagte, dass sie neidisch darauf ist, denn ihr fällt es schwer mal nichts zu essen und abzunehmen und dass es mir auch gut tun würde abzunehmen. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Ich offenbarte einer ausgebildeten und approbierten Psychiaterin, die eine Vertrauensperson sein sollte und mir in ihrer Praxis einen “Safe-Space” bieten sollte, meine Ängste vor einer Essstörung und sie sagte mir durch die Blume, dass mir Dicken das ja gut tun würde … Kurz gesagt, zu ihr bin ich auch nicht mehr hingegangen.

Nach diesen schlechten Erfahrungen wollte ich mir gar keine professionelle Hilfe mehr holen. Ich schämte mich für meine Depression, dafür nicht “normal” zu sein. Ich dachte, dass ich mich nur mal ein bisschen zusammenreißen müsste, alle anderen würden das ja auch hinbekommen …
Aber irgendwann kippte die Scham in Wut und Entschlossenheit und ich wollte mir die Hilfe holen, die ich brauchte. Ich fing an meinen Freund_innen und meiner Schwester von meinen Depressionen und meinen negativen Erfahrungen zu erzählen. Sie ermutigten mich, nicht aufzugeben.

Ich bin enttäuscht und desillusioniert vom Gesundheitssystem

Mittlerweile habe ich eine ganz tolle Psychiaterin. Ich will nicht lügen, es war ein langer Weg einen Termin zu bekommen und ich bin noch lange nicht gesund. Ich habe schon vier verschiedene Antidepressiva ausprobiert und keins hat mir wirklich geholfen. Außerdem habe ich eine tiefenpsychologische Psychotherapie gemacht, die mir auch nicht geholfen hat.

Ich bin enttäuscht und desillusioniert vom Gesundheitssystem und wie mit psychisch kranken Menschen umgegangen wird. Viele Depressive haben große Angst vor dem Telefonieren (ich auch oft), aber Termine bei Psychiatern und Psychologen bekommt man nur (ich kenne keine Ausnahme!), wenn man anruft. Telefonisch zu erreichen sind sie dann oft nur eine halbe Stunde in der Woche (echt jetzt), und wenn man sich endlich durchgerungen hat anzurufen und das Glück hat, nicht an einen Anrufbeantworter zu gelangen, wird einem von Aufnahmestopps für die nächsten 3-6 Monate mitgeteilt. Oft ist sogar die Warteliste voll … Bei einer Krankheit wie der Depression, wo die Sterblichkeit (durch Suizid und Komorbidität) bei bis zu 10% liegt, ist das eine ganz schön lange Zeit! Ich will damit nicht Kritik an den einzelnen Praxen üben, die oft ihr bestmöglichstes tun, um allen Patienten gerecht zu werden. Es werden einfach zu wenig Psychiater_innen und Psycholog_innen zugelassen, um dem Bedarf gerecht zu werden (wer ist hier Schuld? Die Politik, das Gesundheitsamt, die Kassenärztliche Vereinigung, unsere Gesundheitssenatorin??? Ich weiß es nicht …)

Außerdem gibt es zu wenig Informationen im und Vernetzung zwischen verschiedenen psychologischen Beratungsangeboten. Nie wurde mir von einem Arzt/Ärztin, Psychiater_in oder Psycholog_in gesagt, dass Ernährung einen großen Einfluss auf die psychologische Gesundheit haben kann und nie wurde mir gegenüber auch nur erwähnt, dass es Selbsthilfegruppen gibt (über die habe ich erst durch die tolle U-Bahn-Werbung von KISS Hamburg erfahren!).

Bei einer Krankheit wie Depression, wo die Symptome Motivationslosigkeit und Konzentrationsprobleme es einem oft schwer oder unmöglich machen überhaupt aus dem Bett aufzustehen, ist es oft verdammt schwer selbst zu recherchieren, sich zu informieren und immer wieder für sich selbst Partei zu ergreifen und zu kämpfen.

Manchmal liege ich nachts schweißgebadet und starr vor Angst im Bett und grübel darüber nach, ob es nicht einfacher wäre, einfach nicht mehr da zu sein

Was ist jetzt mein Resümee? Eine psychische Krankheit zu haben ist scheiße, nicht nur wegen der Krankheit selber, sondern auch der strukturellen Probleme im Gesundheitssektor.

Manchmal bin ich verzweifelt, wenn es mir so vorkommt, als hätte ich alles schon ausprobiert, aber nichts hat geholfen. Dann liege ich nachts schweißgebadet und starr vor Angst im Bett und grübel darüber nach, ob es nicht einfacher wäre, einfach nicht mehr da zu sein.

Dann kann ich mich meistens mit viel Anstrengung und Mühe von diesen Gedanken losschütteln und suche nach immer neuen Wegen über Depressionen zu lernen: es gibt fast täglich neue wissenschaftliche Erkenntnisse, neue Medikamente und Therapieformen, ich finde immer wieder neue Berichte von Betroffenen, die mir Mut machen und mich nicht so einsam fühlen lassen und ich probiere einiges, wie Spazieren gehen, hartnäckig immer wieder aus. Auch wenn es einem oft unmöglich und unglaublich anstrengend vorkommt, lohnt es sich zu kämpfen. Denn nur dann kann sich was ändern.


Diesen Artikel hat Charlotte geschrieben. Du findest sie auch auf Twitter.

Möchtest du auch einen Gastbeitrag auf diagnosed with happiness schreiben und so anderen Betroffenen Hoffnung geben oder Angehörigen helfen, zu verstehen, wie es ist, mit einer psychischen Erkrankung zu leben? Dann schreib mir einfach eine kurze Mail. Ich freue mich auf dich! 🙂

2 Kommentare

  1. Danke für deinen Lieben Kommentar! Charlotte hier 🙂
    Ich glaube auch nicht, dass Depressionen NUR an Vererbung liegen, aber dass es bei manchen Menschen so ist, dass man eine vererbte Veranlagung/höhere Anfälligkeit für Depressionen gibt und dass äußere Einflussfaktoren, die bei anderen die Krankheit nicht auslösen würden, das dann tun. Das ist ja auch wissenschaftlich bewiesen, dass psychische Krankheiten sich in Familien oft bündeln… Ich wollte damit hauptsächlich drauf hinweisen, dass es meistens nicht nur einen einzigen Auslöser, sondern ein Bündeln von Gründen gibt….

    Ich probiere auch immer wieder neue Sachen und kleine Veränderungen aus und oft haben schon kleine Veränderungen signifikante Wirkungen! Aber oft bin ich auch so unmotiviert/kraftlos, dass ich froh sein kann, wenn ich mich durch den Tag schleppen kann….

  2. Angenehmer Schreibstil. Klingt als wärst du von scheiss Leuten umgeben gewesen.

    Ich habe in einer depressiven Phase auch öfters Spazieren versucht, weil mir das empfohlen wurde und es war zwar langweilig, aber der reine Akt tut dem Körper gut und da Körper und Geist immer wechselwirken müsste das wohl helfen.
    Du kannst auch einfach mal irgendwelche Sachen an deinem Leben verändern, irgendwann stösst du schon drauf, was hilft. Trink mal Kaffee ohne Zucker, geh woanders einkaufen, sag irgendeinem Fremden Hallo.

    „Ob es einen oder mehrere Gründe/Auslöser gibt, kann ich nicht sagen. Meist ist es eine Mischung aus Vererbung und Pech und so ist es bei mir wohl auch gewesen.“

    Ich glaube, kaum Depressive sind wirklich so machtlos. Evolutionär gesehen dürfte sich so eine depressive Veranlagung nicht durchsetzen, wenn sie nicht irgendwo auch einen Sinn macht. Ich glaube, bei den meisten liegt es am Umfeld.

    Eine schöne Woche wünsche ich 🙂

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