Warum „gut genug“ manchmal wirklich gut genug ist.

Zufrieden sein. Das ist so eine Sache. Wer ist schon zufrieden? Ist zufrieden sein überhaupt erstrebenswert? Die meisten werden jetzt heftig nicken und sagen „Natürlich! Wer möchte nicht gern zufrieden sein?“

Ich bin Grafikdesignerin. Da gehört es irgendwie zum guten Ton „niemals zufrieden“ zu sein, immer noch mehr zu wollen. Wenn ich mich irgendwo als Designerin bewerbe und im Vorstellungsgespräch erwähne, ich sei mit meinen Layouts niemals zufrieden, ernte ich meist zustimmendes Nicken. Ein guter Grafikdesigner ist schließlich ehrgeizig, will sich jeden Tag selbst übertreffen, immer mehr noch nie da gewesenes schaffen …

Ich gestehe, was mein grafisches oder auch künstlerisches Schaffen betrifft, bin ich selten zufrieden. Selbstverständlich könnte dieser Blog auch grafisch noch viel bombastischer, atemberaubender, individueller, wasauchimmer sein … 😉

Zufrieden sein hat irgendwie so etwas von Mittelmaß.

„Ich bin zufrieden.“ klingt irgendwie nicht so toll
wie „Wow, ich bin völlig aus dem Häuschen!“

Wir streben immer nach dem Superlativ. Und Mittelmaß ist nun einmal kein Superlativ. Damit wären wir dann auch wieder bei der Frage, ob zufrieden sein erstrebenswert ist.

Aber was ist, wenn wir diesen Superlativ erreicht haben? Sind wir dann zufrieden? Oder wird dann nicht viel eher gleich das nächste Ziel gesteckt?

Warum wird innehalten, genießen – eben einfach mal zufrieden sein – als etwas schlechtes, oder zumindest als etwas nicht erstrebenswertes angesehen?

Warum muss ich immer mehr und mehr und mehr leisten? Leisten! Leisten! Leisten!

Wo ich doch eigentlich mit dem, was ich (erreicht) habe ganz zufrieden bin …?

Als ich meinem Noch-Chef sagte, ich wolle mich selbstständig machen, lächelte er gutmütig und sagte „Wie willst du als Einzelkämpfer jemals auf einen grünen Zweig kommen? Du wirst 24 Stunden am Tag arbeiten müssen, damit du dir irgendwann mal deinen Porsche leisten kannst!“

Ich antwortete: „Ich will überhaupt keinen Porsche.“

Manche Menschen brauchen einen Porsche zu ihrem Glück. Bitte. Wer’s braucht. Auch ich bin nicht völlig frei von Materialismus. Bei weitem nicht!

Aber welcher Gegenstand ist es wirklich wert, dass ich mich dafür kaputt arbeite?

Klar, einmal in ’nem Porsche zu sitzen hat schon einen gewissen Reiz. Aber wäre ich dann zufrieden? Wäre es das wert, dafür zu schuften, mein Wohlbefinden, möglicherweise meine Gesundheit auf’s Spiel zu setzen?

Ich habe keine Lust, mir den Kopf zu zerbrechen, wie ich an genug Geld komme, mir einen Porsche zu kaufen. Warum soll ich mich damit stressen?

Ich muss keinen Porsche besitzen, keine Million auf dem Konto haben. Ich muss nicht Creative Director bei Jung von Matt sein oder einen superschlanken Yoga Body haben. Ich muss auch nicht fünfmal im Jahr um die Welt jetten (obwohl ich das wiederum wirklich gerne täte!).

Ich bin auch so zufrieden. Und wenn ich’s zwischendurch mal nicht bin, ist das auch okay. Ab und an leiste ich dann eben auch mal außergewöhnliches (Hahaha!) 😉 Aber danach bin ich wieder zufrieden und genieße einfach nur mein Dasein.


Mehr zum Thema Glück und Zufriedenheit gibt es übrigens hier!

7 Kommentare

  1. „Ich will überhaupt keinen Porsche.“ , trifft für mich den Nagel auf den Kopf. Das Ergebnis von Leistung, Erfolg und ein Maß für die Zufriedenheit sind bei sehr vielen Menschen materielle Dinge. Das stört mich ungemein.
    In meinem Umfeld geht es gerade um Urlaubsreisen und auch schon um Weihnachten. Ich möchte zur Zeit einfach nicht reisen oder mich für etwas belohnen/ zu Weihnachten mal schön beschenken. Ich brauche das nicht und mache mit meinem Geld lieber sinnvollere Sachen (für einen Umzug sparen), um meine Zufriedenheit zukünftig zu steigern und auch beizubehalten. Urlaube und Shopping stellen einen zwar zufrieden, aber die Zufriedenheit ist auch sehr schnell wieder weg. Man glaubt gar nicht, wie oft man mit so einer Einstellung aneckt. Ich bin mit mir, meinen Plänen und meinem Materialismus zufrieden und das wollen viele nicht verstehen. Schade, denn mit einer anderen Einstellung wären viele von ihnen wohl zufriedener.

    Liebe Grüße, Jessi

  2. Zufrieden sein hat irgendwie so etwas von Mittelmaß.

    Menschen können nicht am besten riechen. Nicht am schnellsten laufen. Am schnellsten schwimmen. Am tiefsten tauchen. Am besten hören. Am besten sehen. Am besten klettern. Am besten springen.

    Nichts, aber so gar nichts kann Mensch so richtig perfekt bombastisch gut. Aber er kann alle diese Dinge. Hätte Mensch ein Motto, daß er auf dem Evolutionbanner vor sich her trägt, es wäre: Durch Mittelmaß zum Erfolg.

    Natürlich kenne ich diesen Hang zur Perfektion. Bei jedem Blogartikel möchte ich immer wieder Meißel und Schliefstein auspacken, da noch etwas modellieren, hier noch etwas polieren. Aber auf dem Pfad zu völligen Perfektion lauert der Wahnsinn 😀

  3. Nachdenklich machender Artikel.

    Ich bin gerne Mittelmaß. Mit Zufriedenheit bin ich zufrieden. Was will ich mehr? Für mich ist das die oberste Stufe der persönlichen Wellnessleiter.

    Es grüßt
    DieReiseEule

  4. Ein ganz großartiger Artikel. Ich frage mich immer wieder, warum der Begriff „Stillstand“ in unserer Gesellschaft so negativ besetzt ist. Die Karriereleiter hat halt mehr Richtungen als nur „rauf“ und „runter“.

  5. Liebe Friede,
    schöner Artikel! <3
    "Leisten, Leisten, Leisten…"
    Ich denke, niemand MUSS etwas leisten. Wir sind gut und richtig genau so, wie wir sind. Ganz unabhängig von all den Äußerlichkeiten, Besitztümern und Fassaden.
    Wenn ich dem Weg meines Herzens folge, kann ich gleichzeitig zufrieden sein, und trotzdem tolle Dinge erreichen. Weil sie dann einfach in mein Leben fließen. Weil ich bereit bin, die Schönheit des Lebens anzunehmen. Und weil ich dann Liebe in die Welt trage.
    HERZliche Grüße,
    Marlen Luise

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