Nach 13 Jahren endlich ohne Psychopharmaka

Als ich vor dreizehn Jahren das erste Mal bei einem Psychiater war, bekam ich nicht nur die erste von vielen Diagnosen, sondern auch ein Rezept. „Trevilor“ stand drauf. Ein Antidepressivum. Ich fühlte mich das erste Mal ernst genommen. Ich hatte damals massive Probleme, meine Gefühle, mein Leiden – ja, mein ganzes Selbst – als real anzusehen. Aber wenn es gegen dieses Leiden ein Medikament gab, musste das, was ich fühlte, ja wohl real sein!

where_are_you__by_griffinskloIch nahm Trevilor ein oder zwei Monate. Meine Erinnerung ist lückenhaft, was diese Zeit betrifft. Ich mutierte zum Zombie, nahm 15 kg ab, raste mit Vollgas in eine Essstörung. Dann setzte ich es ab. Und probierte das nächste. Und noch eines. Und noch eines. Keines hatte den gewünschten Effekt. Manche machten müde, andere putschten auf. Nebenbei begann ich eine Gesprächstherapie und machte mein Abitur. Ein dreiviertel Jahr verbrachte ich in einem nebulösen Zustand. Aber nicht romantisch nebulös, wie im Märchen. Eher wie in „The Fog – Nebel des Grauens“.

Am Tag nach meiner letzten Abiturprüfung kam ich in die Klinik. Dort bekam ich endlich ein Medikament, das zu mir passte: Fluoxetin. Auch bekannt unter dem Namen „Prozac“.

Seitdem ist kein Tag vergangen, an dem ich keine Fluoxetin-Tablette genommen habe (ok, ok, ein- oder zweimal hab ich sie vielleicht vergessen). Fluoxetin gehört zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). Es wird nicht bei Bedarf, sondern täglich eingenommen. Nur so kann es wirken.

Seit meiner ersten Fluoxetin-Tablette sind über zwölf Jahre vergangen. Fast doppelt so lang, wie meine bisher längste Beziehung gedauert hat. Ich nahm Fluoxetin, während all den Jahren der Therapie. Ich nahm Fluoxetin, als ich mich an der Uni einschrieb. Und ich nahm es, als ich ein knappes Jahr später mein Studium abbrach und Hals über Kopf für einen kurzen Job in die Schweiz reiste. Ich nahm es, als ich meinen ersten 9-to-5-Bürojob anfing. Und als ich vier Monate später ein Burnout hatte. Ich nahm Fluoxetin, als ich mich an einer Berufsfachschule einschrieb, um endlich das zu lernen, was ich schon lange lernen wollte: Kommunikationsdesign.

Es ging mir gut und es ging mir auch schlecht. Immerhin war ich in der Lage, mein Leben einigermaßen zu meistern. Das Medikament gab mir einen gewissen Antrieb. Es milderte extreme Stimmungsschwankungen ab. Sowohl nach oben, als auch nach unten.

„Ein Antidepressivum kann immer nur eine Krücke sein. Nicht mehr und nicht weniger.“

Es stand allerdings für mich nie zur Debatte, diese Tabletten ein Leben lang zu nehmen. Die Psychiaterin, die mir damals das Trevilor verschrieb, hatte gesagt: „Ein Antidepressivum kann immer nur eine Krücke sein. Nicht mehr und nicht weniger.“

Ich glaube, heute bin ich in der Lage, selbstständig zu gehen.

Vor einem Monat habe ich begonnen, das Fluoxetin abzusetzen – natürlich in Rücksprache mit meinem Arzt und meiner Therapeutin! Das geht nicht von heute auf morgen. Man muss es „ausschleichen“, d. h. man muss über Wochen hinweg die Dosis langsam reduzieren. Ansonsten kann es schnell lebensbedrohlich werden.

Man kann es sich schlichtweg nicht leisten, über einen Zeitraum von ein paar Wochen einfach mal nicht zu 100% zu funktionieren

Ich habe lange auf die richtige Zeit zum absetzen gewartet. Dass es nicht leicht wird, war vorhersehbar. Nie war der richtige Zeitpunkt: Neuer Job, Job verloren, Trennung, Arbeitslosigkeit, wieder neuer Job. Man kann es sich schlichtweg nicht leisten, über einen Zeitraum von ein paar Wochen einfach mal nicht zu 100% zu funktionieren – das ist das eigentlich Beschämende, aber darum geht es hier nicht.

Zum Glück ist meine Dosis seit ein paar Jahren ohnehin schon relativ niedrig. Seit einem Monat breche ich meine Tabletten an der Sollbruchstelle durch und nehme jeden Tag nur noch eine halbe.

Die ersten zwei Wochen verbringe ich sehr viel Zeit schlafend. Ich habe ein unbändiges Schlafbedürfnis und mein Antrieb, irgendetwas anderes zu tun, geht gegen Null. Außer, es handelt sich dabei um Nahrungsaufnahme. Ich habe plötzlich ständig Appetit und nehme etwa ein Kilo pro Woche zu.

Ich merke, dass ich irgendetwas tun muss, um aus der fürchterlichen Lethargie herauszukommen. Also fange ich an, zu einer Selbsthilfegruppe für Depressive zu gehen. Ich habe Glück, die Chemie in der Gruppe stimmt, ich fühle mich sofort wohl, was ungewöhnlich für mich ist. Das ist ein kleiner Motivationsschub. Ich schaffe es, mich hin und wieder aufzuraffen. An anderen Tagen schaffe ich es nicht, die Wohnung zu verlassen. Meine Stimmung ist an sich nicht schlecht. Ich habe einfach nur keinen Antrieb.

Nach drei Wochen bekomme ich massive Zweifel. An allem. An meiner gerade gestarteten Selbstständigkeit, an meiner Fähigkeit, mein Leben ohne fremde Hilfe zu gestalten, am Versuch, das Fluoxetin abzusetzen. Ich bin kurz davor, die Dosis wieder hochzusetzen.

Ohne es konkret anzusprechen, hilft mir die Selbsthilfegruppe über diese Zweifel hinweg. Ich zwinge mich, aktiv zu werden. Es ist unglaublich schwer, morgens (oder eher mittags) aufzustehen, den Haushalt zu machen, von Arbeit ganz zu schweigen …

Ich erinnere mich an Dinge, die ich in all den Therapien gelernt habe. Fange wieder an, täglich autogenes Training zu machen. Das hilft. Ich verabrede mich mit Freunden, einfach, um aus der Wohnung zu kommen. Ich melde mich für Seminare und Vorträge an.

mackenzie_country_by_griffinsklo-d5x8b05

Seit heute klingelt wochentags jeden Morgen um acht Uhr der Wecker. Egal, ob ich etwas vorhabe oder nicht.

Ich schaffe mir selber eine Struktur. Das ist verdammt schwer, wenn die Botenstoffe im Hirn nicht so wollen, wie man selber will.

Noch nehme ich jeden Morgen eine halbe Tablette. Aber ein Ende ist in Sicht. Nie wieder werde ich zum Arzt dackeln und mir ein neues Rezept holen müssen.

Dann beginnt für mich eine neue Zeit. Eine Zeit der Freiheit.

Ich schmeiß die Krücken weg und laufe einfach los. Wie Forrest Gump.

4 Kommentare

  1. liebe friede:) sehr mutig, all deine gefühle zu teilen:) schön, dass du wieder in die freiheit zurückwillst. und wenn du das willst, schaffst du das auch zu 100 %. du brauchst mut und vertrauen. ich hätte zwei wunderbare tipps für dich. zum einen den 7am-club mit der laura seiler. kannst du einfach mal im internet eingeben, jeder morgen um 7 uhr (mo-fr) macht sie eine meditation, danach ein dankesritual und positive affirmationen, wir sind eine wunderbare gruppe und du kannst glaube ich daraus ganz viel motivation schöpfen. zum anderen kenne ich ein wunderbares natürliches mittel (moodoo von der österreichischen firma ringana), es ist total natürlich und hilft auch bei antriebslosigkeit, stimmungsschwankungen usw. kenne eine liebe frau, die sagt ihr hat es total geholfen. vielleicht magst du mal bei ringana.com reinschauen (unter caps, moodoo findest du es). …vielleicht bist du ja interessiert…:) du kannst mich bei unklarheiten auf jeden fall immer befragen.
    so danke nochmals für deine offenheit und melde dich doch mal gerne bei mir liskof@hotmail.de oder schaue auf meinen blog „lebenslichtpfade.wordpress.com“ rein, den ich mit einer lieben freundin liane führe.
    bis bald. alles alles liebe du starker mensch.
    dicke umarmung.
    lisa

    1. Ganz herzlichen Dank für deine lieben Worte!
      Und danke für den Tipp, den 7am-Club werd ich direkt mal testen. Hab mir seit dieser Woche ohnehin den Wecker auf 8 Uhr jeden morgen gestellt, da ich dazu neige, sehr lange zu schlafen 😉 Jetzt wird er noch eine Stunde vorgedreht.
      Liebe Grüße, Friede

  2. Guter Beitrag und ich versteh dich voll und ganz. Ich hab vor ca. 2-3 Jahren auch mein „Zeug“ abgesetzt und obwohl ich auch erst runter gestuft wurde und dann weg gelassen habe, war das für mich Horror. Es ist nun mal ein Entzug, man kann es nicht schön reden. So krasse Alpträume hatte ich noch nie gehabt. Aber bei jeden ist es ja anders. Jetzt bin ich aber froh das ich nichts mehr nehme, man will mir zwar wieder was geben aber ich will das nicht. Ich mag keine Krücke haben. Der Satz is übrigens gut mit der Krücke und da ist wirklich was wahres dran.
    Ich wünsche dir viel Glück und Erfolg weiter den Weg zu gehen und nicht „schwach“ zu werden!
    Es ist schwer aber am Ende kann man unglaublich stolz auf sich sein =)

    1. Vielen Dank für deinen Kommentar 🙂
      Ja, es ist wirklich nicht ohne! Albträume habe ich zum Glück nicht, sondern „nur“ extreme Antriebslosigkeit.
      Ich find’s toll, dass du es geschafft hast und dabei bleibst! Sowas zu hören motiviert.

      LG, Friede

Kommentar verfassen