Ein Rückblick – Wie fing das eigentlich alles an?

Momentan geht es mir nicht besonders gut. Durch das Absetzen meiner Medikamente leide ich zur Zeit noch unter starker Antriebslosigkeit und Müdigkeit. Grundsätzlich bin ich jemand, der eher nach vorn schaut. Aber in solchen Momenten ist es manchmal auch gut, zurück zu schauen. Ein Resümee zu ziehen. Erst in der Relation merke ich, wie viel besser es mir heute geht.

Mir ist heute danach, etwas weiter auszuholen. Der folgende Text ist praktisch mein Leben kurz und knapp zusammengefasst. Es kann sein, dass der Text für den einen oder anderen selber Betroffenen triggernd wirkt. Wer also gerade nicht allzu stabil ist, sollte ihn evtl. nicht lesen.


Wann genau ich depressiv wurde, kann ich nicht genau sagen. Das hat sich irgendwie so eingeschlichen. Ich war allerdings immer ein stilles Kind und laut Aussage meiner Mutter schon als Baby immer sehr müde. Vermutlich ist also auch eine gewisse Veranlagung vorhanden. Dazu aber ein andermal mehr 😉

„Mal sehen, ob ihr mich vermisst.“

Als Teenager fing ich an, mich mit düsteren Themen zu beschäftigen. Meine Lieblingsfarbe war schwarz und als ich zwölf Jahre alt war, stand für mich fest, wenn ich einmal groß bin, werde ich im Haus der Addams Family leben. Mit dreizehn lieh ich mir in der Bücherei das Buch „Mal sehen ob ihr mich vermisst. Menschen in Lebensgefahr“ von Christa Hömmen aus, verschlang es förmlich und versteckte es unter meinem Kopfkissen. In der gleichzeitigen Furcht davor und Hoffnung darauf, dass meine Eltern es finden würden. Ich fühlte mich immer irgendwie unsichtbar und wollte gesehen werden. Das steigerte sich einige Jahre später zu dem Gefühl, nicht existent zu sein.

In der Schule war ich nicht besonders glücklich. Es gab eine Gruppe von drei bis vier Mädchen, die meine Klasse terrorisierten. Jeder kam mal an die Reihe und wurde fertig gemacht. Psychisch und manchmal auch physisch. Irgendwie habe ich es geschafft, die meiste Zeit unbehelligt davon zu bleiben, aber natürlich war auch ich irgendwann einmal dran. Es gab Tage, da hoffte ich insgeheim, auf dem Schulweg, beim überqueren der Straße von einem Auto erwischt zu werden, nur um nicht mehr in die Schule zu müssen.

Gefangen in mir selbst

Einen Monat vor meinem sechzehnten Geburtstag fing ich an, mich selbst zu verletzen. Mit den Dornen einer Rose. Wie theatralisch!

Ich war unglücklich, konnte aber nicht genau sagen, warum. Ich fühlte mich unsichtbar, unwichtig, unfähig, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, gefangen in mir selbst.

Damals war ich mit meinem ersten Freund zusammen. Obwohl diese Beziehung fünf Jahre lang hielt, bin ich heute der Überzeugung, sie nicht aus Liebe, geschweige denn Verliebtheit eingegangen zu sein. Sie begann kurz nachdem ich von demjenigen, in den ich eigentlich verliebt war, zurückgewiesen worden war. Es war eine Trotzreaktion von mir: „Guck! Ich brauch dich nicht, ich kann jeden anderen haben!“. Und die Beziehung hatte Bestand, weil ich Angst hatte, wieder allein zu sein. Ich war froh, jemanden zu haben, der mich sieht.

Nach einiger Zeit tauschte ich die Rosendornen gegen eine Schere und schließlich die Schere gegen Rasierklingen. Außer meinem Freund wusste niemand davon.

Ich wollte eine Therapie machen. Meine Mutter hielt das für übertrieben.

Erst kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag entschied ich mich, zumindest meine Mutter davon in Kenntnis zu setzen. Ich brauchte Hilfe. Also schrieb ich ihr einen Brief, denn sprechen war nicht meine Stärke und ist es bis heute nicht. Ich wollte eine Therapie machen. Meine Mutter hielt das für übertrieben. Eine Selbsthilfegruppe würde doch ausreichen.

Letztlich ging sie doch mit mir zu unserer Hausärztin, welche mich weiter verwies an eine Psychiaterin und eine Psychotherapeutin. Die Therapeutin wollte mich direkt in eine Klinik schicken (zumal ich sowieso lange auf einen Therapieplatz hätte warten müssen), die Psychiaterin verschrieb mir Antidepressiva. Ich steckte gerade mitten in den Vorbereitungen zum Abitur. Nebenbei verstarb meine Großmutter. Ich entwickelte eine Essstörung, nahm in drei Monaten fast ein Viertel meines Körpergewichts ab. Meine Noten wurden rapide schlechter (früher gehörte ich immer zu den Klassenbesten). Im Spiegel erkannte ich mich selbst nicht mehr. Ich hatte jeglichen Bezug zu mir selbst verloren, verletzte mich, hungerte, fing an, zu erbrechen. Als Jahrgangsschlechteste schaffte ich das Abitur und kam einen Tag nach der letzten Prüfung endlich in die Klinik. Zur Zeugnisvergabe und zum Abiball durfte ich die Klinik für ein paar Stunden verlassen.

In der Klinik hatte ich das erste Mal das Gefühl, gesehen zu werden.

Ich blieb zehneinhalb Wochen. Es ging mir zunehmend schlechter. In den Therapiesitzungen war ich oft nicht fähig, zu sprechen, deshalb schrieb ich meiner Therapeutin insgesamt zwei Collegeblöcke voll (beidseitig beschrieben). Ich fixierte mich in einer krankhaften Art und Weise auf sie. Als sie vier Wochen krank geschrieben war, war das für mich eine Katastrophe!

In der Klinik hatte ich aber auch das erste Mal das Gefühl, gesehen zu werden. Es war eine sehr, sehr schmerzhafte Zeit, denn ich fing an, mich das erste Mal wirklich selbst zu sehen. Mich wahrzunehmen. Festzustellen, dass ich tatsächlich existierte.

73561e5f99349a64ae19af83cf852634116784700863420598Als ich entlassen wurde, hatte ich noch immer keinen ambulanten Therapieplatz, also ging ich kurze Zeit später in eine Tagesklinik. Noch einmal zehn Wochen. Mein Zustand war weiterhin im Begriff, sich zu verschlechtern: ich war untergewichtig, hatte dadurch bedingte Kreislaufprobleme und beim Liegen oder Sitzen auf harten Oberflächen ständig Druckschmerzen ; meine Selbstverletzungen wurden massiver und mein linker Arm war mittlerweile von Narben übersät; ich hatte keinen Lebensmut mehr, wusste nicht, wie es weitergehen sollte.

Einfach einschlafen und nicht mehr aufwachen

Nach etwa drei Wochen Tagesklinik nahm ich im Badezimmer meines Elternhauses 30-40 Tabletten auf einmal, eine bunte Mischung aus verschiedenen Antidepressiva, Neuroleptika und Schmerzmitteln, in der Hoffnung, einfach einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen. Mein Magen – der es mittlerweile ohnehin gewohnt war, das meiste, was ich zu mir nahm, auf dem direktesten Weg wieder loszuwerden – wehrte sich. Also lebte ich halt weiter.

Sprechen fiel mir immer noch schwer. Wenn ich mich unter Druck gesetzt fühlte, schaltete ich einfach komplett ab: Ich dissoziierte.

Es tut sich was!

Nach meiner Entlassung aus der Tagesklinik konnte ich endlich mit der ambulanten Therapie beginnen. Es dauerte jedoch keine drei Monate, bis ich wieder in der Klinik war. Dort feierte ich meinen zwanzigsten Geburtstag. Es verging kaum ein Tag, an dem ich mich nicht selbst verletzte. Doch es kam auch langsam Bewegung in mein Innerstes. Ich verliebte mich in einen Mitpatienten, für den ich meinen Freund verließ. Noch aus der Klinik heraus bewarb ich mich um einen Platz in einer sozialtherapeutischen Wohngruppe. Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens!

Friederike_20090316_0208Ungefähr einen Monat nach meiner Entlassung verließ ich mein Elternhaus und zog in eine schöne alte Villa, in der insgesamt sechs Frauen tagsüber sozialtherapeutisch betreut wurden. Es gab Einzel- und Gruppengespräche, gemeinsames Kochen und viele andere Aktivitäten, die mir eine Struktur gaben.

Diese Zeit war eine der besten und gleichzeitig heftigsten meines Lebens. Ich wurde ständig mit mir selbst konfrontiert. Ich fing an zu malen und zu fotografieren, um meinem Innersten irgendwie Ausdruck zu verleihen. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, überhaupt zu leben. Gleichzeitig mussten meine Selbstverletzungen regelmäßig im Krankenhaus genäht werden und ich dissoziierte mindestens einmal die Woche. Ich bekam einen Schwerbehindertenausweis. Mein Grad der Behinderung lag bei 50 %. Es war nicht im Traum daran zu denken, dass ich jemals würde arbeiten können.

Endlich Freiheit!

Zwei Jahre blieb ich in der Wohngemeinschaft und machte parallel eine ambulante Therapie. Schließlich zog ich auf’s Land zu meinem Freund – dem einstigen Mitpatienten. Ich war noch weit entfernt davon, klarzukommen, aber ich schaffte es tatsächlich einen Monat lang, als Erdbeerverkäuferin zu arbeiten und schrieb mich schließlich – drei Jahre nach meinem Abitur – an der Uni ein. Sprachwissenschaften. Ich hielt ein dreiviertel Jahr durch, dann nahm ich das Angebot, während der Fußballeuropameisterschaft als Fotografin in der Schweiz zu arbeiten an. Was für ein Gefühl von Freiheit! Ich weiß noch heute, wie mich meine Eltern, die gerade aus dem Urlaub gekommen waren, nichtsahnend in meinem Hotel in der Schweiz anriefen und ich ihnen mitteilte, dass ich mein Studium abgebrochen hatte.

Der Job – auch wenn er nur zwei Wochen dauerte – war für mich ein großer Schritt Richtung Selbstständigkeit und Selbstbestimmtheit. Er tat mir unheimlich gut!

Verantwortung übernehmen

Wieder zurück in Deutschland fing ich ein viermonatiges Praktikum bei einem Onlineshop an. Typischer 9-to-5-Bürojob. Mehr als die Hälfte der Belegschaft bestand aus Praktikanten, die dort nicht wahren, um etwas zu lernen, sondern um die Arbeit eines ganz normalen Angestellten zu erledigen. Am Ende hatte ich eine Erschöpfungsdepression und brauchte wieder ein paar Monate Auszeit.

Schließlich beschloss ich, dass es endlich an der Zeit war, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ich fing an, Kommunikationsdesign zu studieren. Und diesmal zog ich es durch. Ich begann nebenbei selbstständig zu arbeiten und hatte Auftraggeber in ganz Deutschland.

Ich übernahm Verantwortung für mich selbst.

Die Selbstverletzungen hörten auf und auch mein Essverhalten normalisierte sich einigermaßen. Ich dissoziierte nur noch selten. Was blieb, waren wiederkehrende depressive Phasen mit denen ich nach und nach lernte, umzugehen.

Ich fing an, zu reisen, die Welt zu entdecken, stellte fest, dass es mir gut tat.

Selbstfürsorge

Aber ich musste auch immer gut auf mich achtgeben. Von vielen Situationen war ich schnell überfordert. Auf Stress und Überforderung reagierte ich nach wie vor mit Depression, Dissoziation oder dem Drang, mich selbst zu verletzen (dem ich aber mittlerweile standhalten konnte).

Die letzte – aber auch heftigste – Selbstverletzung fügte ich mir zu, als ich herausfand, dass mein Freund mich betrogen hatte. Das führte mir aber gleichzeitig vor Augen, dass ich mein Glücklichsein, gar meine Daseinsberechtigung, immer viel zu sehr von anderen Menschen und von Äußerlichkeiten abhängig gemacht hatte. Es legte einen Schalter in mir um.

Noch immer Angst, allein zu sein

Ich entschied, nach dem Studium für mindestens ein halbes Jahr allein nach Neuseeland zu gehen. Ich hatte das Gefühl, ich müsste mich räumlich, und dadurch gedanklich, so weit es nur ging von meinem damaligen Leben entfernen. Ein gutes Jahr blieb mir noch Zeit, um Geld zu sparen. Ich blieb vorerst auch mit meinem Freund zusammen – ich hatte noch immer Angst, allein zu sein –, aber es wurde nie wieder so, wie früher.

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2012 flog ich, wie geplant, nach Neuseeland. Nach gerade einmal einem Monat fand ich heraus, dass mein Freund mich erneut betrogen hatte. Und zwar nicht nur einmal. Diesmal war Schluss. Nach siebeneinhalb Jahren Beziehung. Dass ich dabei über 18.000 km von ihm entfernt war, war das beste, was mir hätte passieren können! Tatsächlich habe ich nur etwa eine Woche lang getrauert. Danach stellte sich ein Gefühl unendlicher Freiheit ein. Ich war das erste Mal seit fast dreizehn Jahren Single. Und es war gar nicht so schlimm, wie ich immer befürchtet hatte. Ich begann, mein Leben in vollen Zügen zu genießen. Aber über Neuseeland möchte ich ein andermal schreiben. 😉

Seitdem fühle ich mich stabil. Es geht mir nicht immer gut, aber ich lebe mein Leben. Meines. Niemandes anderen Leben.

Es ist okay, schlechte Tage zu haben.

Ich weiß, wo ich gewesen bin und was ich geschafft habe und mir das vor Augen zu führen, macht mir an schlechten Tagen Mut und lässt mich dankbar und zuversichtlich nach vorne schauen. Und vor allem erinnert es mich daran, dass es okay ist, schlechte Tage zu haben. So wie an manchen Tagen die Sonne scheint und es an anderen regnet.

4 Kommentare

    1. Sehr gerne. 🙂 Vielleicht kann ich damit dem einen oder anderen etwas Mut machen, seine Geschichte ebenfalls zu teilen.

  1. Ein sehr persönlicher und bewegender Artikel von dir, mit dem ich mich selbst gut identifizieren kann. Einen Klinikaufenthalt und langjährige Therapien habe ich ebenso hinter mir, wodurch ich den Kampf, sich aus diesem Loch wieder herauszukämpfen selbst nur zu gut kenne. Um so wichtiger finde ich es offen damit umzugehen, sobald man es geschafft hat und dazu bereit ist. Klar, es wird immer wieder mal schwere Phasen geben, aber das ist normal. Viel wichtiger ist stolz darauf zurück blicken zu können, was man überwunden hat. Dadurch kann man meines Erachtens auch anderen Betroffenen Mut spenden. Aus diesem Grund, danke für deinen bewegenden Bericht. Es sollten viel mehr Leute offen mit ihrer Geschichte umgehen. Das würde sicherlich auch dazu beitragen, dass Depressionen in der Gesellschaft irgendwann nicht mehr so sehr verpöhnt wären. Ich gratuliere dir auf jeden Fall zu deinem Erfolg, dass du all diese Hürden überwunden hast. Und fühle mit dir 😉

    Von Herzen,
    Bine

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