Sie ist wieder da – Rückfall in die Depression

Man sagt, jeder zehnte Deutsche erkranke einmal in seinem Leben an einer Depression. Mindestens. Nicht wenige Menschen scheinen leider ein Abo auf diese so harmlos klingende Erkrankung zu haben und müssen in ihrem Leben immer wieder mit depressiven Episoden kämpfen. Auch ich.

Gerade eben dachte ich noch, ich sei endlich aus dem Gröbsten raus. Jahrelange Therapie, Antidepressiva, Erwerbsunfähigkeit. Ich habe an mir gearbeitet. Lange und hart. Die Jahre vergingen und es ging mir immer besser, von einigen Mini-Rückfällen mal abgesehen. Aber hey, ich wusste nun schließlich, wie ich handeln muss, wenn es mir schlecht ging. Handwerkszeug. Skills. Selbstfürsorge. Achtsamkeit. Ja, ja. Viel gelernt in all den Therapien. All das war ja auch nicht unnütz. Es war ein ständiger Kampf. Als stünde ich auf einem einsamen Schlachtfeld. Mit Schwert und Schild wehre ich die Depression ab, die mich immer wieder und wieder angreift. Unermüdlich. Und nun hat sie mich doch irgendwie überlistet. Sie hat es geschafft, mich kampfunfähig zu machen. Sie ist zurück, meine alte Bekannte, die Depression. Sie sitzt hier neben mir auf der Couch, umklammert mich. Wenn ich aus dem Fenster schaue, das schöne Wetter sehe, raus möchte, mich an der frischen Luft bewegen will, mir die Sonne ins Gesicht scheinen lassen möchte, dann wird ihre Umklammerung fester. Sie sagt „Du nicht!“. Ich kann nicht raus. Sie lässt mich nicht. Sie hängt an mir wie ein Betonklotz. Ich möchte, aber ich kann nicht.

Wann habe ich eigentlich zuletzt geduscht?

Schon morgens sitzt sie wie ein Alb auf mir, lässt das Aufstehen zu einer fast unüberwindlichen Hürde werden. Sie lässt meine Gedanken kreisen. Sie sagt mir, was ich alles zu erledigen habe und gleichzeitig hindert sie mich daran, auch nur irgend etwas zu erledigen. Das Geschirr stapelt sich. Die Staubschicht in den Regalen wird dicker. Der Müll müsste auch mal wieder rausgebracht werden … Und wann habe ich eigentlich zuletzt geduscht?

Ich versuche, mir etwas Gesundes zu kochen. Ernährung hat schließlich einen großen Einfluss auf das Wohlbefinden. Aber ich scheitere schon, wenn ich in den Kühlschrank schaue. Zwar hab ich es vielleicht sogar mal geschafft, einzukaufen. Aber nun liegt da das Gemüse. Welches soll ich kochen? Oder soll ich es lieber dünsten? Oder backen? Womit fang ich an? Was mach ich zuerst? Wie gehe ich am effizientesten vor? Mist! Bevor ich kochen kann, muss erstmal der Topf abgewaschen werden … Zu viele Entscheidungen! Viel zu viele! Ich scheitere am Alltag. An Aufgaben, an die ich sonst keinen Gedanken verschwende, sondern sie einfach mache. Ich scheitere, setze mich frustriert auf die Couch und weine. Am Ende mache ich mir ein Toast mit Käse.

Noch kann ich um Hilfe rufen

„Wenn du reden möchtest, ich bin da!“ – Seit es mir wieder schlecht geht, höre ich auch diesen Satz wieder häufiger. Ich glaube, der eine oder andere meint ihn sogar ernst. Aber selbst wenn … was soll ich sagen? „Ich schaffe es nicht, mir ein paar Kartoffeln zu kochen und breche deshalb heulend zusammen und stelle mein ganzes Leben in Frage?“

Es ist, als würde ich nach und nach erstarren. Als würde ich langsam alle meine Sinne verlieren, immer mehr verblassen und mich letztlich in Luft auflösen. Oder als befände ich mich in Treibsand. Ich hab schon oft in Treibsand gesteckt. Meist konnte ich mich selbst daraus befreien. Habe immer irgendeinen Ast oder ähnliches gefunden, an dem ich mich selbst wieder herausziehen konnte. Dieses Mal habe ich irgendwie keinen Ast gefunden. Oder vielleicht einfach den Moment verpasst, danach zu greifen. Jedenfalls stecke ich nun tief drin, mich zu bewegen wird immer schwieriger. Noch kann ich um Hilfe rufen. Aber irgendwann werde ich komplett versunken sein. Dann ist es zu spät. Für alles. Aber noch nicht. Noch rufe ich. Und es erfüllt mich mit Scham, auf Hilfe angewiesen zu sein. Schon wieder. Ich mache mir Selbstvorwürfe. „Du steckst doch nicht zum ersten Mal in dieser Scheiße! Du bist doch mittlerweile Profi auf diesem Gebiet! Wieso hast du nicht rechtzeitig nach dem rettenden Ast gegriffen? Wieso bist du überhaupt wieder mal in so ein Loch gestolpert und nicht einfach drum herum gelaufen?“

Aber manchmal führt kein Weg dran vorbei. Manchmal muss man mitten durch. Und manchmal ist da auch einfach kein Ast, an dem du dich wieder herausziehen könntest.

„Glaub nicht alles, was du denkst!“

Nun sitze ich also wieder hier. Alles geht von vorne los. Morgen habe ich einen Termin bei einer neuen Psychiaterin. Vielleicht ist sie besser als der alte. In drei Tagen habe ich ein Erstgespräch bei einer Psychotherapeutin. In einer Woche habe ich einen Termin bei der psychiatrischen Institutsambulanz. Solange ich noch nicht komplett versunken bin, muss ich alle Hebel in Bewegung setzen, um vielleicht doch noch „gerettet“ zu werden!

Ich weiß, dass dieses „gerettet werden“ keine passive Angelegenheit ist. Es wird harte Arbeit. Wieder einmal. Zwar bin ich gerade darauf angewiesen, dass mir jemand den metaphorischen Ast reicht. Aber wenn ich ihn erstmal wieder zufassen habe, ist es an mir, mich aus dem Loch zu ziehen. Und ich weiß, dass das möglich ist. Ich weiß auch, dass es wieder bergauf gehen wird. Dass ich wieder glücklich sein kann. Auch, wenn ich es im Moment nicht fühle.

„Glaub nicht alles, was du denkst!“

Ich weiß gar nicht, von wem dieses Zitat stammt, aber es macht mir momentan Mut. Im Moment denke ich, es wird nie wieder gut, mein Leben ist sinnlos, ich bin wertlos, nichts bereitet mir Freude, ich werde immer allein sein. Aber mittlerweile habe ich oft genug erlebt, dass selbst nach der dunkelsten Nacht wieder ein Tag kommt, an dem die Sonne scheint.

Ich glaube den Einflüsterungen der Depression nicht mehr, denn ich weiß es besser.


Bilder: Unsplash.

15 Kommentare

  1. Ich fühle nichts mehr. Sehe mich um und funktioniere nur noch weil man das von mir erwartet und ich keinem Sorgen machen möchte habe Klinik und Therapie schon gemacht aber es hat nichts gebracht. Lebe nur noch für meine Tiere.

    1. Hey Yvonne, diesen Zustand kenne ich sehr gut. Aber ich weiß auch, dass es nicht immer so bleiben muss, dass Veränderung möglich ist.
      Ich sende dir mal eine virtuelle Umarmung.
      Alles liebe.

  2. Oh mein Gott. Mir war nie bewusst, wie schlimm man sich bei einer richtigen Depression fühlt! Die leichte Form kenne ich auch seit 11 Jahren, als bei mir MS diagnostiziert wurde und ich innerhalb eines Jahres nicht mehr gehen konnte. Damals bin ich knapp an einer Depression vorbei geschlittert, ich empfand alles als sinnlos. Inzwischen versuche ich, das Beste aus meiner Situation zu machen, bin aber auch oft extrem lustlos und muss mich gewaltsam aus dem Loch herausziehen. Zum Glück gelingt mir das bisher!

    Ich wünsche dir viel Kraft und alles Gute!

    GLG Andrea

    1. Hey Andrea,
      vielen Dank für deinen Kommentar!
      Es gibt einfach so viele unterschiedliche Depressionen. Aus manchen kann man sich selbst wieder herausziehen. Aber oft genug benötigt man dazu Hilfe. Das wichtigste ist einfach, keine Scham zu haben, sich Hilfe zu holen!
      Ich drück dir die Daumen, dass du aus dem Loch wieder herauskommst! Ob nun durch eigene Kraft, oder mit Hilfe. 🙂

      Liebe Grüße, Friede

  3. Als würde ich langsam alle meine Sinne verlieren, immer mehr verblassen und mich letztlich in Luft auflösen.

    Das ist schon seltsam. Bei mir ist es immer genau andersrum. Alle anderen werden blasser und lösen sich quasi in Luft auf. Ich schaue auf Autos voller Menschen, die aus dem Büro zurückkommen und im Stau stehen und vor sich hin fluchen…und das ist alles komplett surreal. Nichts davon ist wichtig.

    1. Danke für deinen Kommentar! Ich finde es immer hochinteressant, wie unterschiedlich, manchmal eben sogar gegensätzlich die Wahrnehmungen sind. Jeder Mensch ist ein eigenes Universum. Und jede Depression ist anders.

  4. Es tut mir leid, von Deinem Rückfall zu lesen – wo Du doch so guten Mutes warst …
    Und ich kann das, was Du beschreibst, sehr gut nachvollziehen: Das Scheitern an an Entscheidung, ob man sein Essen jetzt kochen oder braten soll zum Beispiel … der lange und mühevolle Weg unter die Dusche …
    Und ich wünsche Dir von Herzen, dass Du recht bald wieder auf die Füße kommst!
    Ich gehör ja auch zu denen, die das „auf die Füße kommen“ wieder und immer wieder üben müssen …

  5. Hallo Friede,
    leider gibt es manche von uns, die immer wieder mit Depressionen zu tun haben. Bei mir zeigt diese Krankheit auch immer wieder ein anderes Gesicht (die letzte habe ich erst nach langer Zeit als Depression erkannt). Auch wenn ich in den Therapien dann irgendwie immer wieder ähnliche Themen durchkauen muss, stelle ich aber fest, dass ich dabei unglaublich viel lerne! Und dass ich in manchen Lebensbereichen mittlerweile richtig zufrieden bin.
    Ich finde, Du hast genau das richtige unternommen und drücke Dir die Daumen, dass es Dir sehr bald wieder deutlich besser geht!
    Viele Grüße
    Petra

    1. Liebe Petra,
      danke für deinen Kommentar! Ja, das stimmt, man lernt immer wieder dazu, auch, wenn man denkt, man müsste doch jetzt eigentlich endlich mal alles wissen …
      Wenn ich meine aktuelle Depression mit denen von früher vergleiche, stelle ich auch fest, dass jede irgendwie einzigartig und anders war. Alles ist ständig im Wandel. Zum Glück.

  6. Liebe Doro, liebe Menna, liebe Sabrina,

    ich danke euch für eure Kommentare!

    Ja, es IST die Hölle und es kostet unendlich viel Kraft, aber es ist gut, zu wissen, dass man nicht alleine ist. Es ist gut, zu wissen, dass es Menschen gibt, die nachvollziehen können, wie es ist, wenn einem selbst das Zähneputzen schwerfällt. Die nicht verständnislos den Kopf schütteln. Einfach nur zu wissen, dass es okay ist. Dafür braucht es keine weisen Worte oder hilfreichen Ratschläge.

    Auch euch alles Gute! Es WIRD besser!

    LG, Friede

  7. DANKE für diesen ehrlichen und offenen Beitrag! Ich erkenne mich in jedem Wort wieder. Seit Tagen schon suche ich nach den richtigen Worten, um diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen – bei dir habe ich sie gefunden. DANKE. Und ja, du hast recht: Selbst nach der dunkelsten Nacht kommt auch immer wieder ein Tag, an dem alles anders aussieht. Daran müssen wir glauben, und uns immer wieder daran erinnern 🙂

    Ich wünsche dir viel Kraft für deinen Weg, und ich bin mir sicher, du schaffst es auch diesmal dich aus dem Treibsand zu ziehen!

    Alles Liebe,
    Sabrina

  8. Verdammt! Ich kenne das Gefühl so gut, seitdem ich 14 war. Ich hatte und habe immer nocb kein Bock, irgendwas zu machen und zu erledigen. Sogar als Schülerin, die in wenigen Monaten ihren Abschluss machen wird, habe ich keine Lust zu lernen. Jedes Mal, wenn ich dran denke, dass wir eine Klassenarbeit oder Prüfung haben, kann ich nicht einmal Bücher aufschlagen. Selbst wenn, fange ich direkt an zu weinen. Andererseits habe ich Angst zu versagen, sobald ich nichts gelernt habe. Mit Depressionen und Angst zu leben ist die reinste Hölle, mit denen ich leider Erfahrungen machen musste. Ich wünsche dir alles Gute und sei stark! Wenn man hinfällt, sollte man aufstehen, odee sonst fällt deine Tiara aus deinem Kopf! 🙂

  9. Ich musste letztes Jahr auch mit einem Rückfall in die Depression kämpfen, was mich viel Kraft gekostet hat. Ich weiß deshalb gar nicht so recht, was ich dir sagen soll, möchte dir aber viel Kraft und alles Gute für die nächsten Wochen wünschen!

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