Verantwortung übernehmen, für mich. Für andere?

Neulich hatte ich ein langes, intensives Gespräch mit einer guten Freundin über den Umgang mit psychisch kranken Freunden. Der Einfachheit halber nenne ich sie hier Anja. Anja erzählte mir, wie sie selbst vor kurzem einen Streit mit einer anderen langjährigen Freundin hatte. Diese Freundin habe sehr starke psychische Probleme. Da es sich um eine sehr enge Freundin handelte, beschäftigte Anja dieser Streit sehr und deshalb erzählte sie mir davon.

Anja hatte sich mit ihrer Freundin verabredet, nachdem sie sich längere Zeit nicht gesehen hatten. Nun befindet sich Anja gerade selber in einer anstrengenden Lebensphase, welche auch der Grund dafür war, dass sie das Treffen kurzfristig absagen musste. Die Freundin war sehr enttäuscht und hielt Anja vor:

„Du weißt doch, wie schlecht es mir geht, da kannst du doch nicht so kurzfristig absagen!“

Anja nahm sich dies sehr zu Herzen und es entstand ein Streit daraus. Der Freundin ging es schlecht und Anja fühlte sich schuldig.

Zu Recht?

Absagen ist nie toll. Weder für den Absagenden, noch für den, dem abgesagt wird.

Wenn ich eine Verabredung absage – aus welchen Gründen auch immer – und mein Gegenüber darüber enttäuscht ist, bin ich in dem Moment sicherlich der Auslöser für das Gefühl der Enttäuschung. Aber bin ich auch dafür verantwortlich?

Ich habe zwei Jahre lang in einer sozialtherapeutischen Wohngruppe gewohnt, zusammen mit fünf anderen Frauen, alle mit mittelschweren bis schweren psychischen Erkrankungen. Wenn ich dort eins gelernt habe, dann ist das Abgrenzung und Eigenverantwortung!

Viele Menschen neigen dazu, andere Menschen für ihre Gefühle verantwortlich zu machen. Das machen sowohl gesunde, als auch psychisch kranke Menschen, obwohl es besonders letzteren häufig nachgesagt wird. Das ist in dem Moment ja auch erst einmal das Einfachste. Jemand anders ist schuld, also bin ich machtlos und kann nichts daran ändern.

Ist dem so?

Sicher, andere Menschen lösen unterschiedlichste Gefühle in mir aus (und ich in ihnen). Sie sind Auslöser. Aber sind sie deshalb auch dafür verantwortlich?

Beispiel: Jemand tut mir Unrecht und löst damit ein schlechtes Gefühl in mir aus. Ich bin sauer, wütend, traurig etc. Ist dieser Jemand für meine Gefühle verantwortlich? Wenn dem so wäre, käme ich doch ohne ihn aus den negativen Gefühlen nicht mehr heraus, oder? Ich könnte erst wieder glücklich sein, wenn dieser Jemand sich entschuldigt, Wiedergutmachung leistet. Was aber, wenn er das nie täte?

Wie schrecklich wäre es, dermaßen abhängig von jemandem zu sein!

Auch, wenn andere Menschen Auslöser für meine Gefühle sein können, liegt die Verantwortung darüber doch ganz allein bei mir. Es ist an mir, ein Gefühl anzunehmen oder etwas dafür zu tun, es umzuwandeln. Ich behaupte nicht, dass das einfach ist. Dennoch liegt die Verantwortung für meine Gefühlswelt allein bei mir!

Es hat einige Jahre gedauert, bis ich mir dessen bewusst wurde, aber nun ist es eines der wertvollsten Erkenntnisse, die ich in meinem Leben hatte.

Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass ich nicht für die Gefühlswelt anderer Menschen verantwortlich bin, auch, wenn ich diese durchaus beeinflusse.

Anjas Freundin hat die Verantwortung für ihre negativen Gefühle an Anja abgegeben und diese hat sie übernommen. Gerade bei Freunden, die an Depressionen, Angststörungen, Essstörungen oder dergleichen leiden, neigen wir dazu, Verantwortung übernehmen zu wollen. Die haben es schließlich ohnehin schwer genug, oder?

Aber Eigenverantwortung kann – und sollte – einem niemand abnehmen. Man tut einem psychisch kranken Freund keinen Gefallen, wenn man versucht, Verantwortung für ihn zu übernehmen, erst Recht nicht, wenn dieser versucht, einem die Verantwortung zuzuschieben.

Mein Mantra in solchen Fällen heißt „Abgrenzung“. Ich grenze meine Verantwortung von der Verantwortung meines Gegenübers ab.

Das bedeutet nicht, dass ich nicht für einen Freund da bin. Im Gegenteil! Ich kann für einen Freund da sein, kann meine Hilfe anbieten. Es liegt dann aber in seiner Verantwortung, diese Hilfe anzunehmen, zuzulassen, dass ich seine Gefühlswelt positiv beeinflusse. Genau so, wie es in meiner Verantwortung liegt, zuzulassen, dass jemand meine Gefühlswelt beeinflusst, ob nun positiv oder negativ.

Ich bin ich und du bist du. Das sollte man sich häufiger mal vor Augen führen.

Ich weiß nicht, von wem dieses Zitat stammt, aber ich finde es sehr passend:

„Ich bin nur verantwortlich für das, was ich sage, nicht aber für das, was du verstehst.“

Ein Kommentar

  1. Absagen sind tatsächlich immer so eine Sache,für beide Seiten.
    Mittlerweile muss ich aber gestehen das ich froh bin das ich mich doch manchmal traue (bei bestimmten Personen) auch mal abzusagen.
    Mir selbst fällt das nicht leicht,allein schon weil ich den anderen ja nicht enttäuschen mag nebst der Tatsache das ich mich selbst ja auch gefreut habe.
    Aber insgesamt denke ich,ich tue mir selbst und auch der anderen Person eher einen gefallen wenn ich ehrlich bin,zu mir was dann auch mal absagen bedeuten kann.
    Immerhin ist es auch ein schönes und wichtiges Gefühl wenn man merkt das es ok ist auch einfach mal auf sich selbst zu hören,sich selbst ernst zu nehmen und schlussendlich eben auch die Verantwortung für sich selbst zu tragen.
    Und sicher das wird nicht von allen respektiert,aber wirkliche Freunde da glaube ich das sie es verstehen können ohne das man hinterher sauer aufeinander ist.
    Umgekehrt sollte es ja auch so sein,mir selbst ist es immer lieber jemand achtet auf sich selbst,nimmt sich wahr und ernst und sagt mir dann eben auch mal ab,als mir zuliebe sich doch irgendwie durchzuquälen.
    Nützt doch am ende eh niemandem.
    Und die tatsache das viele einem immer wieder zuschieben,du bist schuld an dem wie es mir jetzt geht,scheint einfach so ein Phänomen zu sein.
    Aber hey,es ist ja auch viel einfacher wenn man es anderen zu schiebt als sich hinzusetzen und zu überlegen was mach ich nun damit und wie kann ich es schaffen das es mir wieder besser geht.
    Ich seh mich ein wenig auf beiden Seiten…zumindest musste ich auch erst mal lernen das ich es selbst in der Hand habe was ich aus einem Gefühl mache und das jemand anderes wenn überhaupt nur der Auslöser eines Gefühls sein kann,ich es aber schlussendlich in der Hand habe.
    Ich bin insofern auch ein Stück weit dankbar das ich den Weg des lernens gehen durfte und vor allem auch noch immer gehe.
    Eigenverantwortung ist schwer und irgendwie denke ich immer es wird immer wieder Situationen geben in denen ich dies auch neu lernen muss aber das ist ok,denn es wird mir im enddeffekt viel mehr geben als wenn ich mich in meinen Gefühlen und Handlungen vergrabe und es quasi über mich ergehen lasse.
    Ebenso lerne ich noch immer Hilfe anzunehmen…dies ist schwer,ich selbst kann das unheimlich gut und ich mache es von Herzen gerne (nicht mehr für jeden,auch das musste ich lernen) Hilfe annehmen,denn ich weiß vor allem wie es ist wenn niemand einem Hilft.
    Und manchmal gehen einige dinge auch einfach leichter wenn man es zu zweit macht,manchmal ist es das darüber reden denn durch unterschiedliche sichtweisen kann viel neues entstehen (öhm…ja…auch da muss ich noch lernen),und manchmal ist es einfach auch nur mal ein Käffchen trinken.
    Hilfe ist ja auch immer unterschiedlich.
    Wobei ich auch merke ich kann Hilfe immer dann am ehesten annehmen wenn ich merke der/die andere achtet dabei auch auf sich.
    Insgesamt ein wirklich spannendes und gutes Thema,und irgendwie denke ich gerade ich glaube ich bin froh das ich vieles lernen durfte und noch immer lernen darf,auch wenn es sich manchmal wie die Hölle anfühlt!

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