Wenn die Aussicht darauf, einfach nur die Wand anzustarren und an nichts zu denken, dir wie das Paradies erscheint

Heute bin ich empfindlich. Sehr. Das ist nicht immer so. Ich habe mir eine gewisse Ignoranz antrainiert. Aber heute versagen die Abwehrmechanismen.

An solchen Tagen kann ich nicht mit Bus und Bahn zur Arbeit fahren. Manchmal tu ich es doch und bereue es später …

Ich gehe zur Bushaltestelle und genieße die kühle Morgenluft. Oder den Regen. Regnet ja in letzter Zeit häufiger … Während ich auf den Bus warte, steht zwei Meter neben mir jemand und raucht. Ich versuche, so wenig wie möglich zu atmen, versuche, dem Rauch irgendwie auszuweichen. Er ist mir unangenehm. Dann kommt der Bus. Alles drängt zur Tür. Einsteigen. Fahrkarte vorzeigen. Hoffentlich bekomme ich noch einen Platz an einem Fenster, welches nicht durch Buswerbung zugeklebt ist. Die ist zwar irgendwie lichtdurchlässig, aber irgendwie auch nicht. Ich schaue gern aus dem Fenster, sehe mir die Balkons der Wohnungen an, an denen der Bus entlang fährt.

Es ist warm und es regnet. Die Luft im Bus ist schwer und feucht. Der Bus füllt sich mit Menschen. Menschen, die nach allem möglichen riechen. Angenehme und unangenehme Düfte. Penetrante und dezente. Die Leute unterhalten sich, lachen, telefonieren. Manche hören Musik. Ein verwirrter alter Mann brummelt leise vor sich hin.

Dann muss ich umsteigen in die U3. Hektische Menschen am Bahnhof Schlump. Es duftet nach Lakritz. Das tut es hier immer, denn hier ist ein Süßwarenstand. Ich mag kein Lakritz. Aber es gibt Schlimmeres.

Die Bahn ist meistens voll. Spätestens jetzt bereue ich es, nicht das Auto genommen zu haben. Zu viele Menschen. Zu viele Geräusche. Zu viele Eindrücke auf einmal. An Tagen wie diesen ertrage ich das nur schwer. Es prasselt alles auf mich ein und ich kann nichts dagegen tun.

Im Vorbeifahren sehe ich am Bahnsteig eine Frau stehen. Sie telefoniert. Und sie weint. Ihr Gesicht schmerzverzerrt. Augenblicklich habe ich einen Kloß im Hals und muss die Zähne zusammenbeißen, weil es mir vorkommt, als würde ich fühlen, was sie fühlt. Ich brauche fünf bis zehn Minuten, um mich davon wieder zu lösen. Aber ich weiß, das wird heute den ganzen Tag so gehen. Es fällt mir heute schwerer als sonst, mich gegen Stimmungen, Eindrücke, Einflüsse von außen abzugrenzen. Ich muss heute etwas mehr auf mich achten als sonst.

Ich komme im Büro an, mein Kollege brüllt mir ein – für mein Empfinden etwas zu lautes – „Moin“ entgegen.

Der Tag kann kommen!

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