Zum glücklich sein brauchst du keine Komfortzone

Ja, ja, die viel zitierte Komfortzone … Immer heißt es, man solle sie verlassen. Dabei ist sie doch so warm, kuschelig, vertraut … komfortabel eben.

Ich gestehe, die meiste Zeit meines Lebens halte ich mich in meiner Komfortzone auf. Es ist eben nicht immer so einfach, sie mal zu verlassen. Und doch habe ich es noch nie bereut, sie zu verlassen. In den letzten Tagen kam mir besonders ein Erlebnis immer wieder in Erinnerung. Ausgelöst durch meine derzeitigen massiven Existenzängste, durch meine wieder in den Vordergrund getretene Depression und auch durch meine momentane finanziell äußerst prekäre Situation. Beim Gedanken daran, dass ich noch nicht weiß, wie ich nächsten Monat meine Miete zahlen soll, wird mir schwindelig. Und dennoch bin ich zuversichtlich, dass sich schon alles irgendwie fügen wird.

Diese Zuversicht wird unter anderem durch eine Erfahrung genährt, die ich vor vier Jahren machen durfte.

Ab in die Südsee!

Es war das Jahr 2013, ich hatte gerade sieben Monate in Neuseeland verbracht (dazu vielleicht ein andermal mehr 😉 ). Ich beschloss, nicht auf dem direkten Weg zurück nach Deutschland zu fliegen, sondern verbrachte noch gut zwei Wochen auf den Fidschi-Inseln. Jetzt denkst du, lieber Leser, womöglich, die Südsee, das süße Leben unter Palmen, was hat das mit dem Verlassen der Komfortzone zu tun?

Ich will es dir gern verraten.

Auf Fidschi gibt es nicht nur schöne Strände …

Da nach dem Neuseeland-Trip meine Ersparnisse aufgebraucht waren, suchte ich nach günstigen Unterkünften. Was ich fand war: Eine Woche in einem abgelegenen fidschianischen Dorf, ohne fließend Wasser, mit unregelmäßiger Stromversorgung in einem Haus, dessen Dach nur aus Wellblech bestand. Und Menschen, deren Herzlichkeit, Frohsinn und Selbstlosigkeit seinesgleichen sucht.

Aber von Anfang an.

Schon die Anreise war ein Abenteuer. Ich war am Busbahnhof von Nadi (der einzigen Stadt in Fidschi mit internationalem Flughafen) mit der Nichte meiner Gastgeberin verabredet. Alles was ich hatte war eine Handynummer, die ich allerdings nicht anrufen konnte, da weder meine deutsche, noch meine neuseeländische Simkarte hier funktionierte. Also wartete ich. Und wartete. Und es kam niemand. Nach einer dreiviertel Stunde sprach mich eine junge Frau an, ob sie mir helfen könne. Ich, typisch deutsch, lächelte und verneinte. Aber so leicht gab sie nicht auf. Sie fragte mich, wo ich hinwolle. Also erzählte ich ihr, dass ich das nicht wisse, sondern hier auf jemanden warten würde. Ohne aufdringlich zu sein hakte die Frau weiter nach und allmählich gab ich das Misstrauen auf, das die meisten Deutschen – auch ich – schon mit der Muttermilch aufgesogen haben. Von ihrem eigenen Handy rief sie die Nummer an, die ich ihr gab. Leider ohne Erfolg. Sie wollte mich nicht einfach allein lassen, also wartete sie mit mir. Für mich verpasste sie ihren eigenen Bus (der nur alle zwei Stunden fuhr) und bot mir schließlich an, ich könnte auch mit zu ihr und ihren Eltern kommen und dort schlafen, falls die Nichte meiner Gastgeberin nicht mehr auftauchen sollte. Ich war zutiefst gerührt und wusste gar nicht, wie ich reagieren sollte. Sie gab mir ihre Telefonnummer (ohne nach meiner zu fragen) und sagte, ich könne mich jederzeit melden. Schließlich versuchte sie noch einmal, meine Gastgeberin zu erreichen. Diesmal mit Erfolg. Diese hatte ihrerseits einen Bus verpasst und war deshalb so spät dran. Schließlich tauchte sie auf und die junge Frau verabschiedete sich und sagte, ich solle mich dennoch gerne melden, wenn ich „mal wieder in der Gegend sei“. Die Nichte meiner Gastgeberin war ganz entspannt trotz Verspätung. Derartige Verspätungen sind in Fidschi Alltag. Als pünktlicher Deutscher muss man sich daran erst gewöhnen.

Samstags werden die Busse zur Disco umfunktioniert

Schließlich fuhren wir mit einem Bus, der kein offizieller Bus war, sondern ein großer Van, den die Einheimischen offenbar bevorzugten, weil er deutlich günstiger war. Nach einer knappen Stunde erreichten wir Lautoka, die drittgrößte Stadt Fidschis. Hier kehrten wir bei Verwandten meiner Gastgeberin ein. Es gab selbstgemachtes Gebäck und Tee. Und viele neugierige Fragen an mich, die ich gern beantwortete. Nach der Teepause ging es weiter. Diesmal mit einem richtigen Bus, der allerdings auch seine besten Tage schon hinter sich hatte. Die Fahrt führte entlang der Nordküste von Viti Levu, einer der beiden Hauptinseln von Fidschi. Wir passierten unzählige Zuckerrohrfelder, Siedlungen, Slums und größere Städte. Nach gut sechs Stunden erreichten wir schließlich die Stadt Nausori. Hier mussten wir umsteigen in einen normalen Linienbus. Die fidschianischen Linienbusse sehen ebenfalls aus, als würden sie bald auseinanderfallen, außerdem haben sie keine Fenster und es läuft die ganze Zeit Musik, zu der nicht selten Fahrgäste laut mitsingen. Bei Regen werden Plastikplanen über die Fensteröffnungen gespannt.

Ein typischer fidschianischer Bus

Samstagabend haben manche der Linienbusse außerdem bunte Discobeleuchtung und fahren im Kreis immer um den Busbahnhof herum, während die Fahrgäste singen und tanzen.

Wir fuhren also mit dem Linienbus weiter und kamen nach einer halben Stunde endlich im Dorf an. Es lag inmitten von Feldern auf einer Anhöhe von der aus man das Meer sehen konnte. Straßen gab es nicht, nur Wege und Pfade. Es war sehr grün, überall war Natur. Schließlich kamen wir zum Haus meiner Gastgeberin. Sie bewohnte das Haus allein, doch es waren auch andere Familienmitglieder anwesend, die mich empfingen. Meine Gastgeberin war um die 60 Jahre alt und Witwe. Ihr verstorbener Mann hatte angefangen das Haus zu bauen, es aber nie fertig stellen können. Seitdem war es unverändert: Nackte Betonwände, Wellblechdach. Die Stromversorgung wurde mehrfach täglich unterbrochen. Vor dem Haus stand eine große Regentonne. Das war die Wasserversorgung. Während meines Aufenthalts regnete es fast täglich, somit war stets für Wasser gesorgt. Dennoch mussten wir sparsam sein: Pro Toilettengang maximal ein Eimer Wasser, zum Waschen täglich möglichst nicht mehr als zwei bis drei Schalen voll Wasser. Nur so blieb genug Wasser zum trinken übrig. Ums Kochen musste ich mich nicht kümmern, doch auch dafür wurde natürlich Wasser benötigt.

Ich bekam mein eigenes Zimmer mit großem Bett. Es war nicht sauber, aber immerhin hatte ich etwas Privatsphäre. Ich bekam häufig Besuch von Ameisen, manchmal von Kakerlaken und von den Mücken will ich gar nicht erst anfangen … Die ersten Nächte wunderte ich mich außerdem, warum ich jede Nacht durch ein Rascheln geweckt wurde und warum plötzlich eine Tüte mit Erdnüssen, die ich dabei hatte, angeknabbert war. Dann legte ich mich eine Nacht mit Taschenlampe auf die Lauer und entdeckte sie: eine dicke, fette Ratte, die sich an meinen Sachen zu schaffen machte. Ab dem Zeitpunkt lies ich nichts mehr auf dem Boden liegen. So konnte sie nichts mehr ankabbern. Vorbei kam sie trotzdem.

Mein Zimmer

Meine Gastgeberin und ihre Familie behandelten mich wie einen Ehrengast. Ich wurde dreimal täglich bekocht und sogar meine Wäsche wurde gewaschen. Natürlich per Hand. Und anschließend gebügelt. Zu essen gab es fast täglich dasselbe: Cassawa, Yamswurzeln und ein grünes Blattgemüse dessen Namen ich vergessen habe. Es wuchs überall im Dorf und schmeckte ähnlich wie Mangold. Gekocht war das ganze meist in Kokosnussmilch (natürlich aus frischen Kokosnüssen, nicht aus der Dose). Am Sonntag traf sich die ganze Familie und es gab ein Festessen mit allem, was die umliegenden Äcker zu bieten hatten und dazu unfassbar leckerem, frisch gefangenem Fisch.

Die Enkelin meiner Gastgeberin und ihre beiden Brüder, die alle nur wenig jünger waren als ich, zeigten mir das ganze Dorf und stellten mir dessen Bewohner vor. Gemeinsam paddelten wir durch die Mangroven bis zum offenen Meer, schlugen uns mit der Machete eine Bresche in den dichten Dschungel und die Jungs kletterten auf Palmen, von denen sie frische, noch weiche Kokosnüsse holten. Von überhängenden Ästen sprangen wir ins Wasser und schwammen um die Wette.

An meinem letzten Abend kam die ganze Dorfjugend zusammen und veranstaltete mir zu Ehren eine Kava-Zeremonie. Es wurde ein langer Abend mit vielen Gesprächen. Natürlich lernte ich die Junggesellen des Dorfes kennen, die mich nach meinen Single Freundinnen ausfragten 😉 aber auch den Rechtsanwalt, der mittlerweile in der Hauptstadt Suva lebte, aber mindestens einmal pro Woche hierher in sein Heimatdorf zurückkam, oder die alleinstehende Frau, die keine Kinder bekommen konnte, der aber irgendwann ein dreijähriges Mädchen zugelaufen war, welches sie wie eine Tochter bei sich aufnahm und versorgte, obwohl sie keinerlei Einkommen hatte. Sie wirkte zutiefst zufrieden und glücklich und erzählte mir, sie wolle mit Geld nichts am Hut haben, Geld bedeute nur Stress und Unglück. Sie lebte mit ihrer Ziehtochter in ihrer kleinen Hütte, ging täglich Krabben fischen und baute etwas Gemüse an. Wenn sie darüberhinaus Hilfe brauchte, war die Dorfgemeinschaft da. Überhaupt wirkte das ganze Dorf wie eine einzige große Familie. Jeder unterstützte jeden, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Diese Menschen haben „nichts“ und sind dennoch glücklich. Oder gerade deshalb?

Worauf ich hinaus möchte?

Diese Erfahrung hat mich geprägt. Ich bin ein Mensch, der Schwierigkeiten hat, auf fremde Menschen zuzugehen, Kontakte zu knüpfen, einfach zu vertrauen. Darum war diese Erfahrung auch nicht gerade einfach für mich. Es war schwierig mit der Offenheit der Menschen umzugehen und noch schwieriger, mich ihnen ebenfalls zu öffnen. Ich war zutiefst irritiert, als die Enkelin meiner Gastgeberin – ohne auch nur irgendetwas von mir zu wissen – mir einfach über die Narben meiner Selbstverletzungen strich und sagte, ich sei ein starker Mensch und die schwere Zeit, die ich erlebt hätte sei nun vorbei. Ich war irritiert, aber mindestens ebenso berührt. Im positiven Sinne.

Natürlich habe ich für meinen Aufenthalt dort auch ein bißchen Geld bezahlt. Einen verschwindend geringen Betrag. Was ich dafür erhielt ist bis heute unbezahlbar.

Diese Menschen haben mich aufgenommen, als sei ich einer von ihnen. Und das, obwohl sie selber nicht viel hatten. Würde man unsere europäischen Verhältnisse als Standard betrachten, müsste man behaupten, diese Menschen seien arm. Dabei sind ihre Seelen so viel reicher, als es viele Millionäre je sein werden. Ihr Leben ist nicht immer leicht, aber sie haben eine unerschütterliche Zuversicht, dass sich alles irgendwie fügen wird. Und diese Zuversicht haben sie mir mitgegeben. Das ist es, was ich dort gelernt habe.

Egal, wie schwierig die Verhältnisse sind, wie schlecht es dir gehen mag, irgendeinen Weg gibt es immer!

Zu sehen, wie wenig es tatsächlich braucht, um glücklich zu sein, war eine äußerst heilsame Erfahrung für mich.

Es wird besser!

Ich lebe in einer Großstadt, habe keinen Garten in dem ich mein eigenes Gemüse anbauen kann, ich kenne größtenteils nicht einmal meine direkten Nachbarn. Und doch habe ich mir diese Zuversicht auch hier bewahrt. Egal, wie weit mein Konto im Minus sein mag, wie finster meine Gedanken auch sein mögen, ich werde davon nicht sterben, ich werde nicht verhungern oder auf der Straße landen. Es gibt immer Wege, auch wenn man sie oft nicht gleich sieht. Ich habe meine Familie und auch ein paar Freunde, aber vor allem weiß ich, dass auch Fremde zu Freunden werden können, wenn es darauf ankommt und wenn ich es zulasse. Geld ist dabei nebensächlich.

Ich weiß, dass auch wieder bessere Zeiten kommen werden und ich dann zurückblicken und mir sagen werde „Auch das hab ich geschafft!“.

Nichts ist so konstant, wie die Veränderung. Meine Situation wird sich verändern. Noch unzählige Male in meinem Leben. Mag sein, dass ich gerade das Gefühl habe, in einer Sackgasse zu stehen. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich in 10 Jahren noch in genau der selben Sackgasse stehe, geht gegen null.

Es wird besser! Daran besteht überhaupt kein Zweifel.

3 Kommentare

  1. Hey Chris,

    ja, tatsächlich scheint mir Vertrauen etwas ganz essenzielles im Leben zu sein. Das sollte man sich unbedingt bewahren, auch wenn es leider manchmal missbraucht wird.
    Und ich glaube auch (bzw. habe Vertrauen darin 😉 ), dass meine Erfahrungen aus Fidschi durchaus auf andere Orte übertragbar ist, auch wenn die Rahmenbedingungen stark variieren.
    Dir alles Gute auf deinem Weg! 🙂

    Alles liebe,
    Friede

  2. Das ist so eine wundervolle Geschichte und hat mich sehr berührt. Ich bin gerade kurz davor meinen Job zu kündigen. Dabei ist es genau das was Dir hilft und uns allen hilft: das Vertrauen ins Leben. Das sich alles fügen wird.
    Ansonsten kenne ich ja jetzt ein Plätzchen Erde, wo ich sicherlich auch herzlich aufgenommen werde.
    Danke für’s Teilen:-)

    Alles Liebe,

    Chris

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